Cloud Computing: Schöne neue Welt der Wolke

Clouds Jakob Steinschaden

Eine ganze Branche schwebt auf Wolke Sieben: Auf der Dreamforce-Konferenz, zu der ich vor einigen Wochen nach San Francisco eingeladen war, wurde mir klar, dass „Cloud Computing“ nicht nur ein lästiges Marketing-Schlagwort ist, sondern eine Technologie, die seit Jahren auf einer ganz grundlegenden Ebene einen dramatischen Wandel verursacht. Der Begriff „Cloud“ verschleiert dabei, um was es geht: Daten schweben nicht irgendwo frei im Internet herum, sondern werden auf den Servern von Internet-Unternehmen abgelegt, damit man sie jederzeit von überall aus abrufen kann. Google ist derzeit die größte Cloud, wie man bereits zu ahnen beginnt.

Clouds sind bereits Alltag
Lange, bevor das Schlagwort „Cloud Computing“ überhaupt aufkam, bauten Larry Page, Sergej Brin und Eric Schmidt (siehe Bild unten) ihre Internet-Wolke mit dem größten Server-Netzwerk auf, das es auf Erden gibt. Was wir als tolles Smartphone (Android), schnellen Browser (Chrome) oder neuartiges Notebook (Chromebook) ansehen, sind für Google lediglich „Access Devices“ (Zugangsgeräte) zu ihrer Cloud – egal, wie, Hauptsache, wir geben von jedem beliebigen Ort in jeder beliebigen Situation mögliche viele Daten an die Google-Server weiter. Als Schmidt als Gast der Dreamforce über seine Zeiten bei Sun, Novell und Google sprach, wurde klar: An der allumfassenden Cloud arbeitet er seit vielen, vielen Jahren. Gegen Microsoft hätte Google gewonnen, weil die technische Infrastruktur (+1.000.000 Server = Google-Cloud) die besten Entwickler angezogen hätte.

Eric Schmidt Jakob Steinschaden

So wie Google eine Cloud für Informationen aller Art ist, ist Facebook eine Cloud für Kommunikation aller Art (Statusmeldungen, Fotos, Chat, Videochat, Messages uvm.). Das hat die US-Firma Salesforce, Ausrichter der Dreamforce-Konferenz, inspiriert. Denn sie glaubt wie Google und Facebook fest an die Cloud. Mit Chatter bietet sie eine Art „Facebook für Firmen“ an, das sowohl das Intranet und den internen eMail-Verkehr ersetzen als auch die Kommunikation mit Partnern und Kunden abwickeln kann. In der Praxis heißt das: Mitarbeiter schreiben keine elektronische Post, sondern chatten, bearbeiten Dokumente nicht offline alleine, sondern online gemeinsam mit Team-Mitgliedern, informieren den Chef per Status-Update über ihre Arbeitsfortschritte und beantworten Kundenanfragen nicht am Telefon, sondern in virtuellen Gruppen. Die Effekte seien, wie mir Salesforce-Manager versicherten, durchwegs positiv: Es würde effizienter gearbeitet werden, Hierarchien im Unternehmen würden zugunsten von jungen Talenten verflacht, Projekte seien einfacher zu managen, Mitarbeiter besser informiert, Daten unterwegs via Handy und Tablet abrufbar, und so weiter und so fort. Salesforce selbst hat auch etwas davon: Wollen Firmen die bessere Version von Chatter („Plus“) verwenden, zahlen sie etwa zehn Euro pro Monat und Nutzer.

Angst vorm Auslagern
Vor allem in europäischen IT-Abteilungen sorgt Chatter für Unruhe. Interne Daten und Kommunikation auf die Server einer US-Firma auslagern, seid ihr wahnsinnig? Jim, ein IT-Experte einer großen Firma aus Seattle, meinte zu mir: „Für Manager klingt das alles verlockend: Es ist billig, braucht keine Wartung und ist von den Mitarbeitern leicht zu bedienen.“ Allerdings hätten die Chefetagen selten Weitblick bewiesen: „Stell dir vor, du willst in zehn Jahren bei Chatter aussteigen. Es kostet dich Hunderttausende Dollar, die Daten dort wieder rauszubekommen, wenn du eine große Firma bist, vielleicht sogar Millionen.“ Wegen dem „Patriot Act“, den die US-Regierung 2001 verabschiedet hat, tut sich ein weiteres Problem auf: Die USA haben damit schnellen Zugriff auf sämtliche Daten, die auf den Servern von US-Firmen lagern – und damit auch auf die Daten von Chatter-Nutzern.

Michael Blickle, Executive Vice President der Grazer Firma AVL (Entwicklung von Antriebssystemen wie Motoren), hält das alles für eine „Bullshit-Diskussion“, wie mir der resolute Manager sagte. Das sei nur ein vorgeschobenes Argument der IT-Abteilungen, um sich vor einem drohendem Machtverlust innerhalb des Unternehmens zu schützen. Die ITler könnten nicht damit umgehen, dass nicht sie das Sagen haben, sondern heute „der Markt von außen determiniert“. Deswegen haben 1250 seiner 6000 Mitarbeiter einen Chatter-Account, und er als Chef könne sich über die neue Datenqualität („so gut wie nie zuvor“) freuen. Auch der interne eMail-Verkehr sei deutlich zurück gegangen. Leider gäbe es einen Generationenkonflikt: „Die Über-40-Jährigen sehen Chatter als Zusatzbelastung“, so Blickle. Es sei derzeit eine seiner drei schwersten Aufgaben, den Chatter-Betrieb reibungsloser zu gestalten.

Chatter Salesforce

Das Problem von Google, Facebook und Chatter hört aber nicht bei Patriot Act und Arbeitsalltag auf. „Warum seid ihr Deutschen und Österreicher bloß immer so ablehnend, wenn es um neue Technologien geht?“ Diese Frage wurde mir auf der Dreamforce-Konferenz mehrmals gestellt. Die Datenschutzgesetze seien doch nur ein Hindernis für innovative Dienste. Als ich meinte, dass das in Mitteleuropa sehr ausgeprägte Beharren auf Datenschutz und Privatsphäre auch historische Gründe hätte, sorgte bei einigen für den Aha-Effekt. In Deutschland hat man zwei (Stasi, Gestapo) und in Österreich ein (Gestapo) totalitäres Überwachungsregime hinter sich, die Bespitzelung, Denunziantentum und tiefgreifende Erfassung der Bürger zum hässlichen Alltag machten, und weite Teile Osteuropas gingen nach der Nazi-Besetzung durch harte Jahrzehnte der Sowjet-Herrschaft.

Drohende Durchleuchtung
Vergleiche der Reporting-Funktion bei Facebook und der Denunzierung anderer Bürger in totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts sind natürlich mit großer Vorsicht zu tätigen. Seither haben sich im Zuge der Globalisierung die Machtverhältnisse deutlich verschoben. Multinationale Konzerne haben in vielen Bereichen bereits größere Macht als der Staat. „Ich fürchte mich mehr vor Firmen als vor Regierungen. Die US-Regierung ist schwach, Firmen wie Google haben viel mehr Macht“, sagte etwa Buchautor Andrew Keen („Die Stunde der Stümper„) zu mir, als ich ihn in seinem Haus in Santa Rosa nördlich von San Francisco besuchte. Auch Salesforce ist im Begriff, zu einer neuen Macht zu werden. Einige der Instrumente dazu sind hochgradig kontrovers: Mit dem Dienst Data.com will man es Firmenkunden etwa ermöglichen, automatisch öffentliche Daten aus den Facebook-, Twitter- und LinkedIn-Profilen von Konsumenten auszulesen. Firmen können Kunden so leichter einstufen, ob jemand Einfluss hat oder nicht (z.B. Zahl der Follower) oder auf Basis von Facebook-Fotos dessen Lebensverhältnisse analysieren. Wer das nicht will, muss sich selbst darum kümmern und aktiv sagen, dass er das nicht will („Opt-out“). In Deutschland darf Data.com gar nicht zum Einsatz kommen, weil es hiesige Datenschutzbestimmungen verbieten, dass die dem Dienst zugrunde liegende Datenbank Jigsaw verwendet werden darf.

Bei all dem Für und Wider rund um Cloud Computing holte mich dann schließlich meine Mutter auf den Boden der Realität zurück. Weil sie wissen wollte, worum es bei der Konferenz gehe, erzählte ich unter anderem, dass 1,1 Mrd. Menschen Online-Netzwerke nutzen würden. Sie fragte mich, ob das viel sei. Na ja, meinte ich, bei etwa zwei Milliarden Internetnutzern ist das schon viel. Sie: „Dann kommen also die restlichen fünf Milliarden Menschen ohne Internet aus?“

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