@facebook.com: Zwischen Nutzen und Risiko

Messages_Credit: Facebook

„Ich glaube nicht, dass eMail ein zeitgemäßes Kommunikations-System ist.“ Findet Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Im nächsten Atemzug kündigt er an: „Die Menschen werden @facebook.com-Adressen haben können.“ Also doch eMail. Allerdings sieht die elektronische Post und vor allem der Umgang mit ihr bei Facebook ein wenig anders aus als gewohnt. Als einer von mehreren Kommunikationskanälen werden eMails neben SMS und Chat-Meldungen gesammelt in der Inbox des eigenen Facebook-Profil gesammelt. Damit man im abgeschotteten Facebook-System von „draußen“ erreichbar ist, musste Facebook ein Zugeständnis machen und den kleinen Klammeraffen (erfunden 1973), den man eigentlich abschaffen wollte („eMail wird wahrscheinlich verschwinden“, so Facebook-COO Sheryl Sandberg), ins Programm aufnehmen.

Pros:

  • Gebündelte Inbox: Vor allem für jüngere Nutzer, deren Internet-Kommunikation sich mehr auf SMS, Chat und eben Facebook fokussiert, sicher sehr nützlich.
  • Draht nach draußen: Endlich gibt es einen Weg, aus dem geschlossenen Facebook-System auszubrechen und eine Nachricht direkt aus „Messages“ an jemanden „da draußen“ zu schicken. Vor allem bei Party-Einladungen werden es jene danken, die früher keine Nachricht über das nächste Fest bekommen haben, weil der Absender nur an seine Facebook-Freunde gedacht hat.
  • „Person“ statt „Betreff“: Die für mich wichtigste Neuerung. Anstatt wie bei eMail eine Sortierung nach Zeit bzw. Betreff zu haben, sind bei „Facebook Messages“ die Nachrichten nach Kontakten geordnet. Das macht die Kommunikation vor allem mit unregelmäßigen Kontakten einfacher, weil man an das virtuelle Gespräch, das vor einigen Wochen/Monaten/Jahren geführt wurde, direkt anschließen kann. „Outlook 2011″ unterstützt diese Sortierung nach „Conversations“ ebenfalls.
  • Dateien verschicken: Eigentlich ein Standard, der erst jetzt bei Facebook möglich wird. Man kann nun nicht nur mehr Fotos, Videos und Links an eine Nachricht anhängen, sondern wie bei eMail Dateien jeglichen Formats mitschicken.
  • Von „Google Wave“ gelernt: Mark Zuckerberg hat aus Googles Fehler gelernt und nicht versucht, einen eMail-Killer zu bauen, wie es der große Konkurrent mit „Wave“ versucht hat und kläglich gescheitert ist. Anstatt weiter auf ein „closed system“, wie es auch „Wave“ war, zu setzen, öffnet man sich für die nach wie vor dominante Kommunikationsart im Internet.

Contras:

  • Undurchsichtiges Filter-System: Damit Nachrichten im wichtigsten Ordner „Nachrichten“ bzw. „Messages“ landen, müssen sie bestimmten Kriterien genügen. Botschaften von Facebook-Freunden, mit denen man viel Interaktion hat, werden priorisiert, andere landen in dem Ordner „Other“ oder gar unter „Junk“. Nach welchem Regelwerk die eintrudelnden Nachrichten sortiert werden, wird nicht genau bekannt gegeben.
  • Komplizierte Einstellungen: Zwar wurde die „Social Inbox“ von Zuckerberg als simpel und effektiv bezeichnet, ich bezweifle das eher. Es wird voraussichtlich für Komplikationen unter den Nutzern führen, zu entscheiden, wer eine Nachricht schicken darf und wer nicht. „Alle“ ist möglicherweise zu viele, weil dann sofort eine Menge Spam kommen wird, „nur Freunde“ zu wenig, um auch von Nichtmitgliedern angeschrieben werden zu können. Man wird viel Zeit aufwenden müssen, um Black- und Whitelists den eigenen Bedürfnissen anzupassen.
  • Einzelne Nachrichten nicht löschbar: Die Kommunikation mit einer Person wird in einer „Conversation History“ gespeichert (natürlich auf Facebook-Servern, nicht etwa am eigenen Notebook wie eMails). Aus diesem Chat-Verlauf kann man keine einzelnen Nachrichten löschen, sondern nur den Chat-Verlauf selbst. Ein „Das hab ich nie geschrieben“ gibt es nicht, es ist immer die gesamte Kommunikation mit einer Person nachvollziehbar.
  • Mitmach-Drang: Nachrichten von engen Facebook-Freunden werden im Filter-System priorisiert. Das könnte Nichtmitglieder veranlassen, Facebook-Mitglied zu werden, damit ihre Privatnachrichten auf gelesen werden und nicht im „Other“-Ordner untergehen.
  • Fragwürdige SMS-Unterstützung: Um eine SMS in die Inbox eines Facebook-Mitglieds zu bekommen, muss man Codes wie etwa „32665 (FBOOK) msg john smith what’s up?“ tippen, damit „what’s up?“ am anderen Ende ankommt. Simpel ist anders. In Deutschland und Österreich funktioniert das bereits.
  • Fehlende Integration in eMail-Programm: Was mich aus Praxissicht am meisten stört, ist, dass man seine Facebook-Inbox nicht im eMail-Programm abrufen kann. So muss man sich nach wie vor bei Facebook einloggen, um seine Nachrichten abzurufen. Für berufliche Zwecke ist das System damit unbrauchbar, da Facebook in vielen Firmen gesperrt ist.
  • Nichtmitglieder erfasst: Die neuen „Messages“ sind ein weiterer, gefinkelter Weg, auch Nichtmitglieder im System zu erfassen. Durch die Kommunikation mit einer normalen eMail-Adresse nimmt Facebook diese in den „Social Graph“ (das Beziehungsgeflecht jedes Mitglieds) auf und wertet sie zumindest nach „wichtig“ bzw. „unwichtig“.

Als Gmail-Killer will die neue Funktion nicht verstanden werden, ist sie de facto auch nicht. Freigeschaltet wird sie in den nächsten Monaten, dafür anmelden kann man sich hier.

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