Facebook-Manager Christian Hernandez im Interview

Christian Hernandez Jakob Steinschaden

„Ich rede 50 Prozent meiner Zeit mit großen Medienunternehmen, und 50 Prozent mit Start-ups. Um ehrlich zu sein: Die Start-ups machen mehr Spaß.” Der Facebook-Manager Christian Hernandez, seines Zeichens “Head of International Business Development” bei dem Online-Netzwerk, machte im Rahmen der Startup Week in Wien keinen Hehl daraus, warum er nach Wien gekommen ist. Der Ex-Google- und Microsoft-Mitarbeiter (Windows Mobile bzw. Mobile Search) und sein Team umwarben kleine Web-Dienste als auch große Medienhäuser, sich für die Integration von Facebooks “Open Graph” zu entschließen. Doch gerade in Mitteleuropa stößt Facebook gerade deswegen auf den Widerstand von Datenschützern und Kritikern, weil nicht klar ist, was mit den Daten passiert, die auf den externen Seiten ausgelesen werden.

Den Like-Button und den dahinter stehenden “Open Graph” gibt es schon länger als ein Jahr. Wie unterscheidet sich das von dem, was Mark Zuckerberg auf der f8-Konferenz als “Open Graph Beta” vorgestellt hat?
Es gibt drei Typen des Open Graphs auf Facebook: Identitäten, Objekte und die Beziehungen zwischen ihnen. Dass man so Personen mit Dingen verknüpfen kann, funktioniert seit einem Jahr, das Neue ist, dass man diese Verknüpfungen jetzt entdecken kann, und zwar über die neue Timeline. Das ist ein visuell viel ansprechenderer Weg darzustellen, welche Musik man hört und welche Videos man ansieht. Jetzt kann man die eigene Identität und die der Freunde besser konsumieren, und mit einer neuen Generation von Social Apps, die sich um Lesen, Hören, Sehen, etc. drehen, kann man Inhalte leichter für diese Timeline produzieren.

Der Start von Timeline hat sich durch die Klage von Timelines.com, die ein ähnliches Produkt am Markt haben, verzögert. Wann rechnen Sie mit der Freischaltung?
Die Timeline-Profile werden in den nächsten Wochen freigeschaltet. Die Idee war, sie zuerst für Entwickler zu starten, damit diese damit herumspielen und neue Apps dafür bauen können.

Sind diese neuen Inhalte, die automatisch an die 800 Millionen Timelines der Facebook-Nutzer gesandt werden, mehr wert als herkömmliche Status-Updates à la “Mir ist fad”?
Es ist ein Unterschied. Heute schreiben die Nutzer ein Status-Update oder laden ein Foto hoch, aber der Open Graph ermöglicht eine neue Art des Teilens. Ähnlich wie der Like-Button erleichtert es das Veröffentlichen von Inhalten über Apps. Es gibt bereits eine ganze Reihe an Lifestyle-Apps, etwa für Kochrezepte oder Automagazine.

Mark Zuckerberg behauptet, dass die Menge an Informationen, die Facebook-Nutzer veröffentlichen, exponentiell wächst. Welche Art von Daten werden dabei am häufigsten veröffentlicht?
Auf unsere Server werden unglaubliche Mengen an Fotos hochgeladen, monatlich rund 250 Millionen Bilder. Die Nutzer sind rund um diese Fotos höchst aktiv. Auch der Like-Button wird intensiv genutzt, auch in Österreich und Deutschland, wie unsere Zahlen zeigen.

Stichwort Like-Button: Er verspricht, dass Partner mehr neue Nutzer bekommen. Um wie viel Prozent kann der Open Graph den Traffic einer Webseite steigern?
Das durchschnittliche Medienunternehmen, das ihn integriert hat, konnte die Zugriffe, die von Facebook kommen, um 300 Prozent erhöhen. Der Guardian hat kürzlich bekannt gegeben, dass sie mit Hilfe des Open Graph so 170.000 neue Nutzer bekommen haben. Das generelle Versprechen ist: Wenn mehr geteilt wird, kann mehr durch andere entdeckt werden, was wiederum neue Nutzer bringt. Facebook-Partner wie Netflix als auch Spotify setzen darauf, dass dieser soziale Modus neue Wege des Entdeckens von Content und der Nutzerbindung zur Folge hat.

Was haben kleine Start-ups von der Facebook-Integration?

Drei Dinge: Sie erfahren viel über ihre Nutzer, sie können global distribuieren, und sie haben mit Facebook Credits die einfache Möglichkeit zur Monetarisierung. Wenn ein kleines Wiener Start-up Deals mit PayPal, Visa und Amex machen will, werden die wahrscheinlich nicht einmal antworten. Auf der Facebook Plattform haben sie eine virtuelle Währung, die in 140 Ländern angenommen wird.

Es gibt aber auch Zweifler, die keinen Facebook-Effekt nach der Integration des Open Graph bemerkt haben. Funktioniert das vielleicht nur bei bestimmten Nutzergruppen und Themen?
Der US-Professor Paul Zak hat herausgefunden, dass der Botenstoff Oxytocin immer im Körper ausgeschüttet wird, wenn Menschen die Updates von anderen in Online-Netzwerken sehen. Seine Theorie ist, dass Leute, die ein elektronisches Update von Menschen bekommen, die sie kennen, durch die Ausschüttung von Oxytocin ein Bindung zu diesen herstellen. Das ist also ein grundlegendes menschliches Phänomen.

Facebook-Partner werden also mehr Nutzer versprochen. Was hat Facebook im Gegenzug davon? Wird man etwa Vermittlungsprovisionen einheben – zum Beispiel 30 Prozent der Monatsgebühr eines Spotify-Nutzers, der via Facebook zum Kunden wurde?
Es gibt kein Geschäftsmodell, das auf den Open Graph aufbaut. Facebook-Werbung und die virtuelle Währung Facebook Credits sind weiterhin unsere zwei Einnahmequellen. Mark Zuckerberg und das Entwickler-Team denken anders als die Marketing-Abteilung, ihnen ging es zuerst um neue Produkte und nicht um deren Finanzierung.

Während Facebook Partner in den USA und Großbritannien finden konnte, hat der Like-Button bei deutschen Datenschützern schwere Bedenken ausgelöst, weil er Daten von nicht eingeloggten Nutzern als auch Nichtmitgliedern sammeln soll. Wird Facebook den Open Graph an länderspezifische Datenschutzrichtlinien anpassen?
Wir arbeiten als Firma generell mit Regierungen zusammen und sehen uns das Feedback an, wie Funktionen ankommen und ob diese in Konflikt mit den lokalen Gesetzen stehen. In Deutschland arbeiten wir eng mit der Datenschutzbehörde zusammen. Für deutsche Nutzer versuchen wir, eine passende Lösung für ihre Sicherheitsbedenken anzubieten.

Die Wiener Studenten-Initiative “Europe-v-Facebook” hat gegen Facebook in Irland 22 Anzeigen vorgebracht. Wie reagiert Facebook darauf?
Ich bin nicht persönlich damit befasst, aber ich weiß, dass wir in Kontakt mit ihnen sind und mit ihnen zusammenarbeiten. Feedback von Datenschutzbehörden und Nutzern sind uns wichtig, und wir reagieren darauf.

Gefahr droht aber auch von anderer Seite. Google hat sein eigenes Online-Netzwerk Google+ gestartet.
Ich habe vier Jahre bei Google gearbeitet und finde, dass es eine fantastische Firma ist. Es freut mich, dass dort Innovationen rund ums Social Web passieren und sie versuchen, alle ihre Produkte sozial zu machen. Das wollen wir ja auch, Mark Zuckerberg und die anderen im Produkt-Team habe dazu eine klare Vision.

Das heißt aber auch, dass Facebook nicht bei Riesen-Webseiten wie YouTube integriert werden könnte.
Wenn man die vielen geposteten YouTube-Videos in den Newsfeeds unserer Nutzer ansieht: Wir sind bereits ein signifikanter Traffic-Lieferant für das Video-Portal. Das Facebook als Distributionskanal genutzt wird, davon profitiert Google bereits stark.

Sie sind fürs internationale Business Development zuständig. Wie wird sich Facebook in den nächsten zwölf Monaten entwickeln?
Ich und mein Team fokussieren darauf, noch intensiver mit Entwicklern zusammenzuarbeiten und sind auf der Suche nach dem nächsten Spotify oder dem nächsten Playfish. Außerdem wollen wir mit mehr großen Medien-Seiten kooperieren. Hoffentlich wird man in sechs Monaten überall im österreichischen Internet Facebook-Integration finden, egal, wohin man klickt. Facebook wird sich weiter anstrengen, mehr eine Plattform zu sein als eine Webseite, und drittens wollen wir den Meilenstein von einer Milliarde Nutzer erreichen.

Dafür ist der Start in China aber essenziell.
Klar, China ist ein massiver Markt, aber es gibt dort natürlich Probleme. Ich glaube, eine Milliarde Nutzer sind ohne China schaffbar, aber wenn man danach noch weiter wachsen will, dann muss man sich sehr gut überlegen, wie man in einen Markt tritt, der so einzigartig ist.

Der Open Graph, der automatisiert Daten von einem Web-Dienst zu Facebook schicken kann, erinnert ein wenig an die Ideen von Tim Berners-Lee zum “Semantic Web” – einem Web, wo Datenbanken miteinander reden können.
Das Web hat sich von einem statischen HTML-Web zu einem Web entwickelt, in dem es Kontext gibt, aber keine wirkliche Tiefe. Der Open Graph ist ein Schritt in Richtung Semantic Web, weil er Dokumenten einen Kontext gibt. Er hilft dabei, Objekte im ganzen Web zu kategorisieren. Es gibt zum Beispiel hunderte verschiedene Objekte über Katy Perry im Open Graph, vom IMDd-Eintrag bis hin zu Musik-Diensten und ihrer Facebook-Seite. Wir wollen nicht ein einziges Objekt haben, dass Katy Perry heißt, sondern viele. Am Schluss soll dem Nutzer aber der sozial relevanteste gezeigt werden. Wenn man an Datenbanken als Content-Quellen denkt, kann der Open Graph ein Lied auf der einen Seite mit einer Empfehlung eines Web-Dienstes wie Songkick verknüpfen.

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