Facebook Messages: Verpatzt, nicht „sozial“

Facebook Messages Gregor Gruber

Kennen Sie den Ordner „Sonstiges“ im Nachrichten-System von Facebook? Nein? Dann sollten Sie vielleicht besser einmal einen Blick hineinwerfen. Denn dort könnte eine Nachricht auf Sie warten, die unter Umständen wichtig ist. Genau das ist mir jetzt schon zum dritten Mal passiert: Zuerst habe ich die Nachricht eines Studenten zu meinem Buch verpasst, der einige Antworten für seine Seminararbeit bezüglich meines Buches hatte. Dann übersah ich die Anfrage eines österreichischen TV-Senders, der mich im Zuge des Japan-Bebens zur Bedeutung von sozialen Netzwerken in Krisensituationen befragen wollte. Und schließlich verschlief ich die Anfrage der dpa, die mich gerne zum Facebook-Virus (mein Blog-Eintrag dazu hier) interviewen wollte.

Tja, Pech gehabt, könnte man sagen. Allerdings könnte man auch sagen, dass Facebook das Messages-System, das sie Ende 2010 neu überarbeitet und mit eMail-Anbindung einführte, verpatzt hat. Denn „Facebook Messages“ sieht seither folgendes vor: „Das was dir wichtig ist, wird dir zuerst angezeigt – Nachrichten von Leuten, die dir nahe stehen, haben Vorrang vor Verteilerlisten.“ Schlußfolgerung: Nachrichten von Leuten, die mir nicht nahestehen – also Nicht-Freunde – haben Nachrang. Wie bereits drei Mal passiert. Deren Direktnachrichten landeten in dem Ordner „Sonstiges“, der einem kaum ins Auge springt und den man erst nach einem Klick auf „Nachrichten“ auf der persönlichen Startseite zu sehen bekommt.

Eigentlich hätte Facebook Messages viel Potenzial: Endlich kann man über die Grenzen des Online-Netzwerks via @facebook.com-Adresse nach außen kommunizieren. Auch die Ordnung der Nachrichten ist durchaus sinnvoll: Anstatt die Kommunikation nach Zeit oder Betreff zu ordnen, wird sie nach den Gesprächspartnern geordnet. Auch das Fehlen der Betreff-Zeilen, die beim herkömmlichen eMail schnell von ellenlangem „Re: Re: Re: Re: Re:“ verunstaltet wurden, stört nicht.

Aber da, wo Facebook „sozialer“ sein wollte als das alte fade eMail, hat es dessen Stärke übersehen. Denn eMail ist unter anderem deswegen so nützlich, weil man so leicht an fremde, weit entfernte Personen herankommt. Erste Kontaktaufnahme, Interview-Anfrage mit Experten im Ausland, Blind-eMail an via Telefon nicht Erreichbare, Kommunikation mit großen, sehr anonymen Agenturen – das alles läuft bei mir und vielen anderen Journalisten über eMail. Im System Facebook wäre all das kaum möglich, weil dort vorrangig jene Messages gezeigt werden, die von meinen „Freunden“ geschickt wurden.

In den Einstellungen („Konto“ -> „Benachrichtigungen“) habe ich jetzt die Benachrichtigungen wieder eingestellt, die mich über den Erhalt von Direktnachrichten informiert – in meiner alten GMX-Mailbox, wohlgemerkt. Insofern hat Facebook mit dem neuen „Messages“ einen ordentlichen Witz abgeliefert, mit dem es bis auf weiteres keine Chance hat, eMail abzulösen.

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