Facebook ist das Freibad des World Wide Web

Freibad Jakob Steinschaden

Facebook ist wie die Stasi, wie eine Droge, wie ein Gefängnis, wie ein Internet im Internet, wie…egal, vergiss all diese Vergleiche. Denn seit dem bisher heißesten Tag des Jahres weiß ich, wie Facebook wirklich ist. Bei 34 Grad wolkenlos, auf eine der raren Liegen im Wiener Kongressbad gestreckt, mitten in einem Meer von MitschwitzerInnen, fiel es mir plötzlich ein: Facebook ist wie ein Freibad.

Facebook ist wie ein Freibad, weil alle, die hineinkommen, zuerst einmal einen Striptease hinlegen. Warte, es gibt aber noch mehr Parallelen als diese billige Pointe. Wenn gut gebräunte Frauen in knappen Bikinis ums Schwimmbecken stolzieren, auftrainierte Männer ihre Tattoos präsentieren, Jugendliche beim Stockerlspringen um die spritzigste Arschbombe wetteifern, hat das viel mit dem Narzissmus zu tun, den Millionen täglich in Foto-Uploads und Statusmeldungen abfeiern. Kaum einer ist nur wegen der überfüllten Liegewiese her, auf der jeder die gleichen eineinhalb Quadratmeter mit seinem Handtuch personalisieren darf, es geht auch ums Gesehen werden. Denn das Freibad ist Laufsteg wie Aufrisszone.

Dem Voyeur bietet das Freibad viel Gelegenheit zum Spechteln. Hinter verspiegelten Sonnengläsern wandern Augenpaare über entblößte Körperteile, wohl die gleichen Paar Augäpfel, die am Abend in Facebook-Trance durch Fotoalben erspähter Schönheiten gleiten. In Privatsphäre wähnt sich im Freibad kaum einer – wie sollte man auch, wenn man halbnackt unter Halbnackten hockt (übrigens sind mehr Erwachsene unter den Anwesenden, als man glauben würde). Das Freibad ist sowieso so eine halbe Sache: Irgendwie ist man mit der Familie oder wegen den Freunden hier – ja, auch der Sozialdruck sonnt sich hier -, aber privat sind hier höchstens die teuren Umkleidekabinen. Wenn Menschengruppen Handtuch an Handtuch lagern, ist das wie mit den berühmten Freundesfreunden auf Facebook: Von der Arbeit/Freundin/Party erzählt man seinen Sitznachbarn, aber Spitzohrige nebenan können die deftigen Geschichterln auch mitlauschen.

Weil Sehen und Gesehen werden aber irgendwann einmal fad wird, halten Freibad und Facebook Möglichkeiten zur Zerstreuung bereit. Wasserrutsche und FarmVille, Riesenschach und Empires & Allies, Texas Hold`Em und Tischtennis – die Zeit bis Badeschluss ist schneller rum, als man denkt. Auch Polit- und Marketingstrategen haben erkannt, dass man im Freibad und auf Facebook die sich langweilenden Massen leicht erreichen kann. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die FPÖ vor dem Kongressbad für ihren hassgeliebten Chef HC Strache die Werbetrommel rührt und selbiger auch jener österreichische Politiker ist, der auf Facebook mit Abstand die meisten „Gefällt mir“ (ca. 102.000) abgesahnt hat. Die Wirtschaft hat sich auch in Stellung gebracht und lässt junge Ferialjobber gratis Latella und Nivea unters Volk bringen.

Freibad 2 Jakob Steinschaden

Hat sich der blasse Mark Zuckerberg gar im Freibad zum Like-Button inspirieren lassen? Etwa, als er miterlebte, wie sich das Gerücht, dass es oben bei der Kantine Eis umsonst für die 50 Flinkesten gibt, wie ein Lauffeuer verbreitet? Zwar nicht mit erhobenem Daumen, aber immerhin mit wildem Winken und aufgeregten Rufen werden die Freunde auf der Liegewiese darauf aufmerksam gemacht, dass es da etwas gratis gibt und man das besser nicht verpassen sollte. Über all dem Trubel wachen schließlich die Bademeister, die ähnlich wie die Facebook-Ingenieure im sonnigen Kalifornien die teuersten Sonnenbrillen auf der Nase haben. Wer zu schnell läuft, vom Beckenrand köpfelt, andere untertaucht oder die Wasserrutsche versperrt, wird ermahnt oder gleich vom Gelände verbannt. Verpfeifen kann man Bösewichte auch bei den Göttern in Weiß, aber bis die reagieren, ist der Übeltäter meistens schon abgehaut. Nur eines lässt sich von der Facebook- nicht in die Freibad-Welt übertragen: Das Anstupsen ist am Beckenrand keine freundliche, sondern eine feindliche Handlung.

Wenn Google, Diaspora oder Twitter darüber grübeln, wie sie Facebook übertrumpfen könnten, sollten sie nicht nur darüber nachdenken, wie sie noch mehr „social“ werden, sondern auch darüber, wie sie das Freibad besser machen könnten.

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